HAMBURG: MY CITY

July 17, 2014
MY CITY: HAMBURG

Von den Straßen von Paris, bis hin zu den verwinkelten Gassen Londons; unsere City Insider zeigen uns die verborgenen Schätze von Europas aufregendsten Metropolen.

Um schonmal in Stimmung für das MS Dockville Festival zu kommen (gewinne Tickets HIER), haben wir Autor und Mode Journalist Fabian Hart gefragt, uns auf eine alternative Tour durch Hamburg mitzunehmen.

Elbstrand Övelgönne
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Zu sagen, Hamburg läge direkt am Meer, ist eine romantische Vorstellung. Wir haben hier zwar sehr viel Wasser und einen Hafen, aber bis zur offenen See sind es ab den Landungsbrücken noch locker 120 Kilometer. Das ist auch die Strecke der Elbe, die aus der Stadt bis nach Cuxhaven in die Nordsee führt. Rechts und links davon gibt es nicht einfach nur Ufer, sondern immer wieder auch Stadtrand. In Övelgönne zum Beispiel. Im Sommer kann man da einen Tag oder ein paar Stunden Urlaub machen, faulenzen, grillen, Containerschiffen hinterglotzen, Typen oder Mädels und anderen Hot Dogs.

Wilhelmsburg / Energiebunker
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Credit: Energiebunker VJU im Energiebunker

In Hamburg stehen zwei Flakbunker aus dem Zweiten Weltkrieg, zwei mächtige Zwillinge aus Beton. Nummer Eins klotzt auf dem Heiligengeistfeld auf St. Pauli – den kennt jeder. In ein paar Wochen stehen die Klaxons und FM Belfast da ganz oben. In der letzten Etage ist einer der besten Clubs und Veranstaltungs-Venues der Stadt untergebracht, das Übel & Gefährlich. In seinem Schatten steht Bunker Nummer Zwei, ein paar Kilometer weiter auf der Elbinsel Wilhelmsburg.

Er wurde komplett mit Solarzellen ummantelt und beherbergt ein Biomasse-Blockheizkraftwerk – der Bunker kann das ganze Viertel mit Warmwasser und Heizwärme versorgen. Oberhalb des Kraftwerkes, auf Höhe der Solarzellen, wurde das Vju eröffent. Die Café/Bar ist komplett verglast und öffnet sich zu einem 360°-Balkon, von dem man die ganze Stadt im Blick hat, aber von einer alternativen Perspektive: vom rauhen Wilhelmsburg und seinem Industrieviertel, über den Containerhafen, bis zur Köhlbrandbrücke und weiter bis zur Elbphilharmonie und Hafencity.

Savoy Kino
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Ich wohne in St. Georg, aber erwartet jetzt bloß kein In-Viertel-Geplänkel. Auf der Hauptstraße „Lange Reihe“ haben zwar längst Coffee Shops eröffnet, die „Loha“ heißen (das tun sie wirklich), aber eine Parallelstraße weiter, vorbei an Gay Shops und Dark-Room-Bars, geht es noch ganz unschuldig zu. Hier, auf dem Steindamm, hat man von Lifestyle noch nichts gehört und obwohl die Straße auch für ihre Pornokinos und Kasinos bekannt ist, hat sie sich ihre Unschuld erhalten. Der große Ausverkauf hat hier (noch) nicht stattgefunden. Der Steindamm ist real. Er klingt nach vielen Sprachen, er ist laut und manchmal tut er gefährlich, aber hier passiert nicht mehr als sonstwo auch.

Manchmal sieht es hier aus wie in New York in den 1980ern, also das hab ich mir sagen lassen: Spelunken und Discounter-Märkte, Spezialitäten aus Südostanatolien, vietnamesische Straßenküche, Dönerläden, eine Moschee, das alte Hansa-Variete-Theater von 1894 und auch mein neues Lieblingskino, das Savoy ist hier zu Hause. Die Sitze lassen sich zu Liegen ausfahren, es ist privat geführt und alle Filme laufen in Originalsprache. Aber keine Sorge, es werden eben nicht nur Art-House-Filme gezeigt, sondern auch Godzilla. In welcher Sprache man den sieht, ist ja auch egal. Steindamm eben.

Kampnagel
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Im ehrenwerten Winterhude bietet ein ehemaliges Fabrikgelände ein Alternativprogramm zur Nachbarschaft: wo früher Schiffs- und Hafenkrane geschweißt wurden, kommen heute Musiker, Schauspieler und Tänzer in Bewegung. Kampnagel ist mindestens so viel Club wie Konzertsaal und genau so sehr Bühne wie Ruhepol. Vor ein paar Monaten hat mir hier Emika nach ihrem Konzert das Gesicht abgeleckt, und einmal bin ich Yoko Ono aus dem Weg gegangen, nur Kick-Ass-Queereeoké hab ich noch nicht mitgemacht.

Im Sommer wird der stillgelegte Fabrikhof zur Fläche fürs Kampnagel Sommerfestival. Dieses Jahr mit Pianist Chilly Gonzales, Ballett-Master Michael Clark, Rapper und Poet Mykki Blanco und anderen Unverpassbaren.

Museum f. Kunst und Gewerbe Hamburg
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Credit: Maria Thrun

In St. Georg zu wohnen bedeutet auch, in nur ein paar Minuten zu Fuß drei große Hamburger Museen besuchen zu können. Die Deichtorhallen und das Haus der Fotografie zeigen zeitgenössische Kunst und Fotografie, die Hamburger Kunsthalle eine Galerie der Gegenwart und Alte Meister und das Museum für Kunst und Gewerbe hat einen Handwerk-Schwerpunkt. Bis Oktober ist dort die Ausstellung „Inside Out“ zu sehen, die sich nicht ganz so Tragbarem von Rei Kawakubo, Martin Margiela, Iris van Herpen und anderen Avantgardisten widmet.

Monkey Deli
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Fleischesser, Veganer, Glutenverachter: Ich habe viele Labels, weil ich keinem entsprechen möchte. Ich liebe und lebe Diversität, aber ich muss wissen, für was ich mich entscheide und wenn ich es tue. Das ist im Bett nicht anders wie zu Tisch.

In München habe ich vor ein paar Jahren Moderedakteurinnen im Pelz beim veganen Deli beobachtet und vegan ist Trend, aber das Monkey Deli kocht keine Modehäppchen, sondern groß(artig)e Snacks. Dass hier alles vegan ist, wird nicht promotet, da steckt kein Marketing dahinter, sondern selbstgemachtes Essen, das lecker schmeckt.

Wilhelmbsburg / Dockville
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Ich steh auf Festivals, aber nur auf solche, denen ich nachts oder morgens wieder entkomme. Im durchnässten Zelt aufwachen und mir mit Bier die Zähne putzen, während ich vor Dixie-Klos anstehe: nicht mein Kontext. Entscheidet euch – buht mich jetzt schon aus oder eben erst auf dem Dockville. Das liegt versteckt zwischen Brachland und Industriezone in Wilhelmsburg, weit weg von all dem, wie man sich Hamburg so vorstellt.

Wenn Kaytranada das Fabrikpanorama beschallt (kennt ihr seinen Remix von Janets „If“?) und die Sonne hinter Containern verschwindet, habe ich mein Bett dann doch vergessen. Andere Gründe durchzumachen: Die Antwoord, Dillon, SOHN und der Vogelball im Rahmen des MS Artville, einem Pre-Happening kurz vor der Eröffnung des eigentlichen Festivals.

Domplatz
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Credit: Roman Rätzke

Nachdem ich für Magazine gearbeitet hatte, deren Verlage und Redaktionen in Hamburg, Berlin und München zu Hause waren, fiel ich mit fabianhart.com in ein geologisches Loch. Fest stand, dass das Internet der beste Publikationsort ist, aber von wo aus sollte ich arbeiten? Ich übte mich in Home Office, aber wann immer ich nach Hause kam, stand ich vor meinem Schreibtisch und nicht enden wollenden Aufgaben. Vor einem halben Jahr habe ich meine Wohnung zurückerobert und mir gemeinsam mit einer Freundin ein Office in der Innenstadt gemietet.

Anna schreibt ein Food- und Fotografie-Blog und ihr findet uns in der Mittagspause vor dem Gebäude, auf dem Domplatz am Speersort. Kein Platz in der Innenstadt hat so viel Grünflache, hier sieht es aus wie in einem Freibad, nur das Schwimmbecken fehlt. Gut so, sonst ginge ich schwimmen und müsste wieder von zu Hause aus arbeiten.

Sautter + Lackmann Buchhandlung
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Seit zehn Jahren wohne ich in Hamburg und schon in der ersten Woche bin ich zufällig einer Buchhandlung begegnet, weil ich um die Ecke in der “Erste Liebe Bar” ein Date hatte und zu früh war. Um es abzukürzen: Die Buchhandlung date ich bis heute, weil sie die wohl kompetenteste Anlaufstelle für Mode- und Kunstpublikationen ist. Besondere Schwerpunkte liegen auch auf Fotografie, Film und Grafikdesign. Einen ganzen Samstagnachmittag bei Sautter + Lackmann? Kein Problem.

Oldtimer Tankstelle
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Ich mag vielleicht kein besonders guter Autofahrer sein, aber ich liebe Autos. Besonders den HONDA Prelude EX 2.0. Die Serie wurde zwischen 1985-87 gebaut, man sieht sie heute kaum noch und wenn, dann vielleicht eher in der Oldtimer-Tankstelle Brandshof. Alexander Piatschek und Jann de Boer haben aus der denkmalgeschützten 1950er-Jahre-Tankstelle einen guten Ort gemacht, der nicht nur Herberge und Treffpunkt für Oldtimer und Fans ist, sondern auch TÜV-Prüfstation. Außerdem lohnt es sich auch im Deli vorbeizusehen, dem „Erfrischungsraum”, in dem nicht nur deutsche Hausmannskost, sondern auch Kaffee und Kuchen serviert werden. Achja, manchmal wird der Hof der Tankstelle zum Autokino und oft finden hier an Sonntagen auch Flohmarkt statt.